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René Vautier
In der Waagschale: meine Wenigkeit


Es war der 27. Januar 1973 und ich befand mich in einem kleinen weißen Bett im Krankenhaus Quimper-Corentin – seit 27 Tagen im Hungerstreik. Meine Forderungen? Die Streichung der Befugnis der Kommission für Filmzensur, die Zensur ohne Angabe von Gründen vorzunehmen; und das Verbot von Schnittvorgaben sowie Lizenzverweigerungen aus politischen Gründen. Die Sache war auf einem guten Weg: am 17. Tag des Hungerstreiks hatte der Minister dem Film Octobre á Paris von Jaques Panigel die Lizenz zuerkannt. Wir hatten ihn im Dezember der Kommission vorgestellt, woraufhin diese dem Ministerium eine "Empfehlung" abgab, ihn komplett zu verbieten. Am 24. Tag des Streiks hatte der Direktor des Centre National de la Cinématographie mitteilen lassen, dass er sich einer Anerkennung von Octobre á Paris als französischer Film nicht entgegenstellen würde, obgleich jener nie eine Drehgenehmigung erhalten hatte (nicht ohne Grund: Der Film wurde 1961 unter dem Schutz des Komitee Maurice-Audin gedreht, um die Polizeirepression gegen Algerier in Paris anzuklagen, und es wäre völliger Irrsinn gewesen, in diesem Moment eine Drehgenehmigung zu verlangen.) Es war einiges los in den bretonischen Hütten (Tausende Demonstranten auf den Straßen von Quimpér, in Sprechchören: "Weg mit der Zensur!") und in Paris (Dutzende von Regisseuren – ich nenne lieber keine Namen, sonst ärgern sich die Ungenannten – belagern zwischen den dekorierten Wänden des Centre national de la cinématographie die Würdenträger der Filmbranche und die Kontrollkommission); und ich sehe den Moment schon kommen, in dem ich, über die Zensur triumphierend, die Nadelstiche der progressiven Realimentation willkommen heißen würde (zugegebenermaßen eine weniger erfreuliche Perspektive als ein saftiges Festessen, aber ein nötiger Zwischenschritt). Nun aber, an diesem 27. Januar, tritt in mein Krankenzimmer ein Besucher, mir unbekannt; das wird er auch bleiben. Steht am Fußende meines Bettes, hochkorrekt gekleidet, spielt mit dem Schloss seines Aktenkoffers wie um seine Argumente zu akzentuieren. "Nun, es gibt keinen Grund mich vorzustellen, sagen wir, ich bin ein Funktionär. Ein hoher Funktionär, ein Staatsdiener. Ich habe zwei Kinder, fast erwachsen; sie haben mich in Ihren Film Avoir 20 ans dans les Aurès geschleift, und ich wusste ihn zu würdigen. Meine Kinder haben mir gesagt, dass Sie sich im Hungerstreik befinden und dass die Regierung Sie eher sterben ließe als die Zensur anzufassen. Ich habe ihnen versichert: Die Regierung kann es sich nicht erlauben, einen Märtyrer der freien Meinungsäußerung entstehen zu lassen. Aber um zu vermeiden, dass es ein Unglück gibt, nur wegen etwaiger Verzögerungen im Ministerium, bin ich zudem hierher gekommen. Ich möchte Ihnen mitteilen, dass es besser wäre, Sie würden sich wieder ernähren, denn Ihr Streik ist nutzlos. Das mag widersprüchlich erscheinen, wenn ich Ihnen sage, dass Sie gewinnen werden und hinzufüge, dass es nutzlos ist. Also die notwendigen Erklärungen: Sie wollen also die Abschaffung der politischen Zensur für das französische Kino erwirken? Ihrer Forderung wird höchstwahrscheinlich entsprochen werden: Das Ministerium wird der Zensurkommission nahelegen, keine Schnittvorgaben oder Verbote aus politischen Gründen zu erwirken; es wird dem Präsidenten der Kommission empfehlen, sich in seinen Sanktionsforderungen ausschließlich auf Kriterien von Pornographie und Gewalt zu berufen und sie außerdem zu begründen. Und man wird Ihnen einen Brief zukommen lassen, in dem Sie das nachlesen können. Sie werden zufrieden sein, Ihre Freunde werden jubeln, und Sie werden wieder Nahrung zu sich nehmen. Doch ... (er fummelt an seinem Schloss, öffnet den Aktenkoffer, nimmt ein paar Papiere heraus, auf die er einen kurzen Blick wirft. Nur um sein Gedächtnis aufzufrischen, denn er scheint mit der Thematik vertraut) Doch wenn Sie hoffen, dass damit der Weg frei ist für filmische Äußerungen Ihrer politischen Überzeugungen, dann täuschen Sie sich gewaltig. Denn es liegt auf der Hand, dass die großen Akteure in der Distribution sich stets weigern werden, Filme zu verbreiten, deren Inhalt unangenehm für die Machthabenden ist – das ist eine Frage der guten Nachbarschaft zwischen der Macht und dem Geld. Also keine wirklich politischen Äußerungen auf dem Sektor der großen Distribution. Außer natürlich Kritiken, die sich auf das richten, was sich außerhalb unserer Grenzen abspielt. Aber Herr Costa-Gavras war ja immer frei, die Geschehnisse in Griechenland zu kritisieren, nicht wahr? Oder in der Tschechoslowakei. Also, keine Neuigkeiten auf dem Feld der großen Distribution. Auf dem Feld der unabhängigen Verwerter – jene, die selbst ihre Programmation betreiben, und die Ihnen erlaubt haben mit Avoir 20 ans dans les Aurès die Öffentlichkeit zu erhaschen... nun, wenn die Regierung beispielsweise entscheidet, auch die Pornographie zu liberalisieren, und kleinen Kinos ermöglicht, sich auf Filme der X-Klassifizierung zu spezialisieren – die dann eine Lizenz hätten und mehr Geld einspielen würden als Ihre Filme von sozialem oder politischem Inhalt... Glauben Sie, die unabhängigen Verwerter werden sich weiter um Ihre Werke reißen? Die Liberalisierung erotischer Filme wird die Leinwände füllen – kein Platz mehr für Ihre "sozialen" Filme! Sie werden das Recht haben, sie zu drehen, doch die Zuschauer werden nicht das Recht haben, sie zu sehen! Dritter Punkt: Die Regierung kann das Fernsehen, über das sie sich direkt oder indirekt die Kontrolle sichert, antreiben, viel mehr Geld als heute für Filmrechte zu zahlen; aber natürlich nicht für jedweden Film! Nicht für die Ihren oder die Ihrer Kollegen, die die gegenwärtigen Zustände kritisieren! Ihr Avoir 20 ans dans les Aurès mag durchaus auf den Spitzenplätzen der meistgefragten Filme der Cineclubs herumtollen; Patrick Brion* weiß sehr gut, dass es seinen Vorgesetzten nicht gefallen würde, dass er ihn ausstrahlen würde... selbst wenn die Fernsehzuschauer darauf drängen! Und seien Sie versichert: er wird ihn nicht ausstrahlen. Doch die "kleinen Produzenten", die heute einwilligen, manchmal auf den sozialen Film zu setzen: Wenn sie sehen, dass ein einzelner Verkauf an einen Fernsehsender ihr Budget ausgleichen kann, glauben Sie, dass sie sich finanziell strangulieren und Filme finanzieren, die die Fernsehsender gewiss nicht wollen werden? Wir sehen: kein Anreiz mehr, diese Art von Filmen zu produzieren... Letzter Punkt: Ich habe mich erkundigt und weiß, dass Sie und Ihre Feunde selbst Ihre Filme produzieren, und dass Sie ein Vertriebsnetz haben, das auf Jugendzentren, FJTs**, Ciné-Clubs und Stadtteilzentren basiert. Und diese Verbreitung trägt sich für Sie finanziell. Doch wenn die Regierung Druck auf die Fernsehsender ausübt, dass sie den Jugendzentren konkurrenzlos günstig Filme zur Verfügung stellt, die sich durch die TV-Ausstrahlung bereits amortisiert haben; und wenn es sich durch eine Kürzung der Subventionen ergibt, dass die Jugendzentren nicht mehr die Mittel haben, sich andere als die preisgünstigsten Filme zu leisten – glauben Sie, Sie können dem standhalten? Sie werden Ihre Filme machen, frei, mag sein, ohne Zensur, möglicherweise – aber niemand wird sie sehen. Das sind die Gründe, aus denen ich Ihnen rate, sofort wieder zu essen, ohne auf einen vordergründigen Sieg über die Zensur zu warten... ein nutzloser Sieg." Er schließt seinen Aktenkoffer, beugt kurz den Kopf und geht. Ich habe nie seinen Namen erfahren. Ich setzte den Hungerstreik fort. Am 31. Tag kam mein Sieg, in Form eines Briefs des Ministers Duhamel, der mir die Beschneidung der Befugnisse der Zensurkommission bestätigte... Und ich wurde mir innerhalb weniger Jahre darüber klar, dass alles eintrat, was der "hohe Staatsdiener" mir angekündigt hatte. Die Abriegelung des freien Ausdrucks der Wirklichkeit in Bild und Ton. [...]

*Patrick Brion schuf und leitete gemeinsam mit Claude-Jean Philippe seit 1971 den Cine-Club des zweiten Kanals des französischen Fernsehens (http://fr.wikipedia.org/w/index.php?title=Patrick_Brion&oldid=29529032).

**Foyers de jeunes travailleurs waren Wohnzentren für junge Arbeiter, teilweise auch für Studenten. Sie verfügten meist über Kantine und Waschmöglichkeiten, später wurden auch Fortbildungsprogramme integriert. Seit Ende der Siebziger sinkt die Anzahl der Zentren und die Bewohner entstammen zunehmend dem Prekariat und subproletarischen Milieus (http://fr.wikipedia.org/w/index.php?title=Foyer_de_jeunes_travailleurs&oldid=37143320).

aus: Vautier, René. Camera Citoyenne. Editions Apogée 1998. Behelfsübersetzung von Sebastian Bodirsky.

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